Deutscher Widerstand

Zum Gedenken an den 60. Todestag von Hermann Kaiser

„…und man siehet nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“

Aus: Bertolt Brecht, Dreigroschenoper

„Wer auf das Ganze des Widerstands, sein Denken und sein Tun, die Anstrengung oft mühsam erweckter Hoffnungen wie die Enttäuschungen zurückblickt, kommt um das Eingeständnis nicht herum, dass er die eigene Sterbestunde kaum überdauert hat.“

Aus: Joachim C. Fest, Staatsstreich (1994)

Erinnerung an die mutige Tat

– Wir müssen uns unsere Geschichten erzählen –

Am 23. Januar 1945 wurde unser Bundesbruder Hermann Kaiser als Beteiligter am Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Sein 60. Todestag fällt in eine Zeit, in der eine Rückbesinnung, und bezogen auf einige Themen unserer neueren deutschen und europäischen Geschichte, eine erstmalige wirkliche Aufarbeitung erfolgt. Dabei ist festzustellen, dass die damit verbundenen Darstellungen häufig auf ein breites Interesse stoßen. In Deutschland und bei unseren Nachbarn in Europa erfährt man, mehr als ein Jahrzehnt nach der politischen Wende auf unserem Kontinent, häufig eine zustimmende Befriedigung darüber, dass ganze Themenkomplexe ebenso wie einzelne Details das Licht der historischen Darstellung erblicken, die sich bisher im Schatten der Geschichte befunden haben. Denn hinter den Themen stehen menschliche Schicksale, stehen Opfer und Täter, stehen Ideen und Utopien, Hoffnungen und Enttäuschungen.

Vor allem die Opfer von Gewalt verdienen es, dass wir uns an ihr Schicksal erinnern. So erfahren wir 65 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, dass dieser Krieg nicht, wie in den Geschichtsbüchern zu lesen, am 1. September 1939 um 4:45 Uhr mit dem Geschützfeuer des deutschen Schulschiffes Schleswig-Holstein auf die Westerplatte bei Danzig begann, sondern bereits acht Minuten zuvor mit einem Luftangriff auf das polnische Städtchen Wielun. Ebenso erschien im Jahr 2002 mit der Dokumentation „Der Brand“ eine umfassende Darstellung des Bombenkrieges in Deutschland (der Autor Jörg Friedrich referierte auch auf dem Pflug in Münster).

Und man stellt schnell fest, wie gut es den Menschen hüben wie drüben tut und wie es zum besseren Verständnis beiträgt, wenn man versucht, Empathie zu entwickeln. So sprechen wir heute endlich auch mit mehr Selbstverständlichkeit über den Warschauer Aufstand von 1944, über die 900 Tage von Leningrad und über Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Befassung mit diesen Themen ermöglicht uns Deutschen unser gestörtes Verhältnis zu unserer nationalen Geschichte zu kurieren und wirkt identitätsstiftend im europäischen Kontext. Dies führt mich zu der Schlussfolgerung, dass wir uns unsere Geschichten erzählen müssen.

Gerade wenn man sich mit dem 20. Juli 1944 beschäftigt, stellt man schnell fest, wie verkrampft unser Verhältnis zur deutschen Geschichte über viele Jahrzehnte und teilweise bis heute gewesen ist. So dauert der Prozess noch immer an, ein normales Verhältnis zu den Ereignissen und den Männern des 20. Juli zu finden. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg galten sie in weiten Teilen der Bevölkerung als Verräter, und seien wir so ehrlich; auch in unserem Bund blieb Hermann Kaiser zunächst die Anerkennung für sein Handeln versagt.

Der mangelnden Anerkennung war in den Phasen der Planung, Vorbereitung und Durchführung des verunglückten „Staatsstreiches“ vom 20. Juli das mangelnde Bekenntnis zu dem Vorhaben vorausgegangen. Nicht zuletzt die fehlende Entschlossenheit wesentlicher Akteure, ihr Zögern im entscheidenden Moment, hat erheblich zum Scheitern beigetragen.

Hermann Kaiser vor dem Volksgerichtshof.

Bundesbruder Hermann Kaiser, der im Rang eines Hauptmannes das Kriegstagebuch des Ersatzheeres führte, brachte die Ausflüchte, in denen die Anstöße zum Handeln bei den Befehlshabern versandeten auf die treffende Formel: „Der Eine will handeln, wenn er Befehl erhält, der Andere befehlen, wenn gehandelt ist.“ Und über Generalfeldmarschall Günther von Kluge, den Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, schrieb er: „Erstens keine Teilnahme an einem Fiesko-Unternehmen. 2. Ebenso wenig an einer Aktion gegen Pollux (Anmerk. des Autors: Hitler). 3. Ist nicht im Wege, wenn Handlung beginnt.“

Die häufig anzutreffende menschliche Eigenart, sich einen Ausweg, ein Hintertürchen offen zu lassen, macht die Tat derer, die sich schließlich ohne Wenn und Aber auf das Unterfangen einließen, umso anerkennenswerter.

Später, nach dem 20. Juli 1944, sollten die Häscher des Regimes bei Hermann Kaiser zahlreiche private Aufzeichnungen finden, die nicht nur ihm zum Verhängnis wurden. Auch belegen diese Quellen den Wandlungsprozess bis hin zum Tatentschluss und bis zu den Ereignissen des 20. Juli.
Wenn man sich mit der Person Hermann Kaisers in Bezug auf sein Aktivenleben in der Hallischen Burschenschaft Alemannia auf dem Pflug beschäftigt, dann stößt man durchaus auf Schwierigkeiten. Hier ist vor allem das Problem der Namensgleichheit zu nennen. Im Abstand von nicht einmal zwei Jahren wurden zwei Studenten gleichen Namens bei der Burschenschaft Alemannia auf dem Pflug zu Halle aktiv. Das macht es ein wenig schwer, eine Positionsbestimmung vorzunehmen, allzumal Texte aus jener Zeit häufig nur mit den Initialen des Autors unterzeichnet sind.

Hermann Kaiser wurde am 31. Mai 1885 als Sohn des Pädagogen Dr. Ludwig Kaiser in Remscheid geboren; ein Jahr später zog die Familie nach Wiesbaden um, wo Ludwig Kaiser Direktor der Oranienschule wurde.

Nach der Hochschulreife studierte Hermann Kaiser in Halle und später in Göttingen Mathematik und Physik, Geschichte und Kunstgeschichte. Wie Jahrzehnte zuvor sein Vater trat er am 23. April 1903 der Burschenschaft Alemannia auf dem Pflug bei. Nach viersemestriger Aktivenzeit, in der er auch dem Chargenkabinett angehörte, wechselte er zum Sommersemester 1905 nach Göttingen. Nach dem Examen im Sommersemester 1909 wurde er philistriert. Da die Pflügerblätter aus jener Zeit nicht vollständig sind, findet sich nur ab und zu etwas über Hermann Kaiser. Den Lehrerberuf konnte er ab 1912 zunächst nur zwei Jahre ausüben, denn er war Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und dies die gesamten vier Jahre seiner Dauer.

Aus einem national-konservativen Elternhaus stammend und in der preußischen Militärtradition verwurzelt, gehörte er zu den ersten Freiwilligen im August 1914. Sein Einsatz für das Vaterland muss herausragend gewesen sein. Nicht ohne Stolz berichtet uns das Pflügerblatt vom Dezember 1915, dass Hermann Kaiser das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen worden ist. Später erhielt er noch den österreichischen Militärverdienstorden mit Kriegsdekoration.

Wer diese Auszeichnungen für Tapferkeit und selbstlosen Einsatz zur Kenntnis nimmt, der kann sich über das Urteil des Volksgerichtshofes drei Jahrzehnte später nur wundern. Aber dazu später.
Nach dem Ende des Krieges nahm er seinen Lehrerberuf an der Oranienschule in Wiesbaden wieder auf. Dieser Schule, an der auch sein Vater Ludwig Kaiser bis zu seiner Berufung zum Provinzialschulrat in Kassel unterrichtet hatte, blieb Hermann Kaiser bis zu seinem Lebensende treu. Dabei muss er ein ausgezeichneter Pädagoge gewesen sein.

Wenn Geschichtsunterricht zur damaligen Zeit vornehmlich aus dem Abfragen von ereignisgeschichtlichen Daten bestand, so vermochte er die Inhalte sehr lebendig zu vermitteln. Seine Schülerschaft formte er zu einer Gemeinschaft, die sich als Teilnehmer an seinem Unterricht privilegiert fühlten. Sehr viel Selbstbewusstsein klingt aus dem Begriff, den die Schüler seiner Klassen für sich verwandten: „Kaiserjäger.“ Einer seiner ehemaligen Schüler schrieb über ihn: „Hermann Kaiser war ein deutscher Idealist, ein Soldat und kein Militarist, ein Erzieher der Jugend, ein Meister, ein Mensch, den seine Schüler bis an ihr eigenes Ende nicht vergessen werden.“
Der nationalsozialistischen Bewegung konnte Hermann Kaiser zunächst durchaus einiges abgewinnen. Er wurde sogar Parteimitglied. Doch bald nach der Machtergreifung setzte bei ihm jener für das nationalkonservative Spektrum typische Lernprozess ein.

Die Loslösung vom abendländisch-christlichen Ethos, der im Rahmen des sogenannten „Röhm-Putsches“ im Sommer 1934 offenbar werdende Verzicht auf jegliche Rechtsstaatlich-keit; dem Patrioten Kaiser wurde deutlich, dass der Nationalsozialismus die preußisch-deutsche Tradition nicht bewahren wollte, sondern sich ihrer nur bediente, um eine unberechenbare, verbrecherische Politik zu etablieren. Anstoß nahm der gläubige Christ an der Verletzung religiöser Werte und Normen; den Nationalsozialismus bezeichnete er als „Sünde wider Gott“.

Die Hinwendung Kaisers zur Opposition erfolgte bereits in dieser Zeit. Als in Wiesbaden im gleichen Jahr auf Kaisers Initiative hin ein Denkmal für das 1. Nassauische Feldartillerieregiment Nr. 27 errichtet wurde, weigerte er sich, den Namen Adolf Hitler in die Denkmalsurkunde aufzunehmen und scheute dabei nicht den Konflikt mit dem Gauleiter von Hessen-Nassau.
„Gewissen ist das Bewusstsein eines inneren Gerichtshofes im Menschen“, hat Immanuel Kant im Jahr 1795 diesen Bestandteil menschlicher Charakterstärke beschrieben. Für Hermann war sein Gewissen die Maxime seiner Entscheidungen.

Bereits 1939 wurde Kaiser als Hauptmann der Reserve zur Wehrmacht eingezogen. Seit 1940 war der Stab des Oberkommandos der Wehrmacht im Berliner Bentlerblock sein Dienstsitz, das Zentrum des militärischen Widerstandes. In die „Walküre“-Pläne eingeweiht, kam ihm vor allem eine Mittlerfunktion im Verhältnis zu den Hauptakteuren zu. Heute würde man ihn als „Netzwerker“ bezeichnen. Auf der Kabinettsliste einer neuen Regierung war er als Staatssekretär im Kultusministerium vorgesehen.

Der 20. Juli 1944 wurde zum sichtbarsten Zeichen des Aufbegehrens gegen den Diktator. Die Menschenrechtsverletzungen vor allem in Mittel- und Osteuropa, die langsam zu Tage tretende Kenntnis über die Shoa, die militärisch aussichtslose Lage im Sommer 1944 und die zunehmenden Entbehrungen der Zivilbevölkerung im Reich, das alles reichte aber nicht aus, um den Funken des Widerstand zu einem Flächenbrand werden zu lassen. Der 20. Juli endete im Desaster.

Die Antwort des Regimes war gleichwohl unerbittlich. Für Adolf Hitler wurde Dr. Roland Freisler zum Mann seines Vertrauens. Dieser hatte einst in wenigen Jahren den unglaublichen „Radschlag“ von der KPD zur NSDAP hinbekommen. Als Präsident des Volksgerichtshofes gerierte er sich zum „Schaurichter“ und zum Entscheider, weniger über Leben mehr über Tod.

Als der Deutsche Bundestag im Jahr 1983 den Beschluss fasste „Nichtigkeit von Urteilen des Volksgerichtshofes“ wurde dieses unglaubliche Kapitel deutscher Rechtsgeschichte mit all seinem Sadismus und mit seiner ganzen Abwesenheit von Recht und Rechtsstaatlichkeit aufgearbeitet.
Wenn man einzelne Urteile des Volksgerichtshofes liest, dann stellt man schnell fest, das Urteil über Hermann gehört zu den schäbigsten. „Wenn es unter den Verrätern des 20. Juli überhaupt eine Steigerung der Gemeinheit geben kann, so ist einer der gemeinsten Hermann Kaiser,“ schrieb Freisler in der Urteilsbegründung. Und an anderer Stelle des Urteils, das bezeichnender Weise auch gleich für einen weiteren Angeklagten (Major Busso Thoma) abgefasst ist, heißt es über den hoch dekorierten Teilnehmer des Ersten Weltkrieges: „Sein Verrat ist viel gemeiner als die Terrortat die seinerzeit dem nationalsozialistischen Reich Veranlassung gab, für Fälle ganz besonders gemeiner Verbrechen den Vollzug der Todesstrafe durch den Strang vorzusehen, als die Terrortat des Reichstagsbrandes. Dieser Mann muss ein für allemal um der Sauberkeit willen, um unserer Ehre willen aus unserer Mitte ausgelöscht werden. Er hat sich selbst für immer ehrlos gemacht.“ Hermann Kaiser hörte sein Todesurteil am 17. Januar 1945.

Der eingangs zitierten Feststellung von Joachim C. Fest aus dem Jahr 1994, wonach der Widerstand mit seinen Ereignissen und Hintergründen „die eigene Sterbestunde kaum überdauert hat“, soll heute, rund zehn Jahre später, nicht widersprochen werden. Es ist aber erfreulich festzustellen, dass auch dem Gedenken an die weniger bekannten Beteiligten des 20. Juli endlich Raum gegeben wird. So hat beispielsweise die Bayerische Staatsregierung für den 21. Januar 2005 zu einer Gedenkveranstaltung für Franz Sperr eingeladen. Franz Sperr war der Gesandte Bayerns in Berlin. Wegen Mitwisserschaft an den Umsturzplänen Stauffenbergs wurde er zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 ermordet, gemeinsam mit Hermann Kaiser.

Gedenkkranz in Pflügerfarben.

Thomas Helm Z!
Vorsitzender der Altherrenschaft
Berlin, den 23. Januar 2005